Albert Massiczek
1916–2001

An dieser Stelle möchte ich Ihnen einen Offenen Brief zugänglich machen, den Albert Massiczeks langjährige Mitarbeiterin Erika Wantoch als Reaktion auf eine vom damaligen Leiter des DÖW (s.u.), Wolfgang Neugebauer, herbeigeführte Kampagne gegen Massiczek verfasst hat.

Zwar distanziere ich mich von der Schärfe mancher Formulierung, doch inhaltlich stehe ich auf seiten der Autorin. Der Text geht in klaren Worten auf die aktuelle Diskussion ein. Er tritt der Verbreitung von Unwahrheiten mutig und entschlossen entgegen.

Bitte bilden Sie sich selbst Ihr Urteil!

7. Mai 2008, Constantia Spühler

Erika Wantoch

Offener Brief an Wolfgang Neugebauer

Sehr geehrter Herr Doktor Neugebauer!

Vor fünfzehn Jahren, in einem Gespräch zwischen uns über den Konflikt zwischen dem „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW) und der „Österreichischen Widerstandsbewegung“ (ÖW), ließen Sie anklingen, der ÖW-Präsident Bruno Czermak habe seine Firma „arisiert“. Ich ging der Sache nach, was nicht schwer war, denn das Zentralgewerberegister befindet sich im selben Gebäude wie das DÖW, wenige Schritte von Ihrem Arbeitsplatz entfernt. Ich fand heraus, dass Ihre Verdächtigung falsch war. Meine Recherchen im Österreichischen Staatsarchiv bestätigten es.

Sie haben, als ich Sie davon informierte, nur mit den Achseln gezuckt. Das rufschädigende Gerücht blieb offensichtlich bestehen; erst vor wenigen Monaten hat ein DÖW-Funktionär es mir gegenüber wiederholt.

Seither verdichtet sich mein Eindruck, dass Ihr Versuch, Bruno Czermak in die Nähe von NS-Verbrechen zu rücken, kein Einzelfall ist: Personen, die dem DÖW wirklich oder vermeintlich Schaden zugefügt haben, bekämpfen Sie anscheinend mittels Denunziation.

Im Jahr 2005 publizierten Sie ein Buch mit dem Titel „Der Wille zum aufrechten Gang“. Im Untertitel kündigten Sie an, die „Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten […] offenzulegen“ und wählten dazu aus einer „enorm hohen“, nicht bezifferten Anzahl von Mitgliedern einen Haufen Lügenbolde, Altnazis und Verbrecher. Auch diese waren im Lauf von zehn bis 15 Jahren nach dem Ende der NS-Ära dem BSA beigetreten, und der BSA hatte sie akzeptiert. Das mißbilligten Sie. Der BSA, beanstandeten Sie, habe „Schuldeinsicht“, „Reue“, „Umkehr“ und den „tatsächlichen Einstellungswandel“ der Delinquenten auf Glaubwürdigkeit zu überprüfen verabsäumt.1) Daher machten Sie sich selber ans Werk und beurteilten nach nur Ihnen bekannten Kriterien, ob der Sinneswandel dieser Herren echt gewesen war oder nicht.

Aber einer findet sich im Buch, der nach keinerlei Maßstab hineinpaßt. Ihm hatte der BSA zu überhaupt nichts verholfen, schon gar nicht zur Reintegration, denn er wurde, was Sie verschweigen, erst 1939 geboren. Vom schrulligen Linken hat er sich zu einem obskuren Rechtsaußen entwickelt, und er gehört vielleicht in ein Buch, aber sicher nicht in dieses. Was bewog Sie, Günther Rehak die Ehre zu geben? Die Antwort ist evident; Sie geben sie selbst: Er hatte die bizarre Meinung geäußert, die Bajuwarische Befreiungsarmee des Bombenbauers Franz Fuchs sei in Wahrheit das DÖW, und er hatte, wie Sie extra vermerken, dem DÖW die Anwaltskosten nach dem Prozeß nicht bezahlt. Das ärgerte Sie; das mußte angeprangert werden. Kurz mißachteten Sie Ihr hohes wissenschaftliches Ethos, schufen ein Kapitel über Paranoiker, Deutschnationale und Holocaust-Leugner, die irgendwann auch BSA-Mitglieder waren, und schon war der Rahmen geschaffen, um mit Rehak abzurechnen.2)

Nun zu Ihrem eigentlichen Hassobjekt. Auch ihm war was heimzuzahlen. Auch er mußte hingetrimmt werden, um in die Täterriege zu passen: Albert Massiczek, der sein politisches Leben als illegaler Nazi und SS-Mann begonnen und, nach der Erfahrung des „Umbruchs“, als gläubiger Christ neu formuliert hatte. Fortan ein Mann im Widerstand gegen die Nazis, riskierte er viel und tat, wie er zeit seines Lebens betonte, zuwenig. Seine Entwicklung dokumentierte er in Büchern, Aufsätzen, Vorträgen, TV- und Radiosendungen; 1985 bat ihn auch das DÖW zum großen Interview. Es dauerte Stunden und ging über Tage. Alle Aspekte kamen zur Sprache. Und dann das! Statt dankbar zu sein und sich still zu verhalten, engagierte Massiczek sich in der überparteilichen „Österreichischen Widerstandsbewegung“. Diese hatte seit Anfang der 50er Jahre die Errichtung eines von Parteiinteressen unabhängigen Widerstandsarchivs gefordert, sozusagen ein Haus der Widerstandsgeschichte. Doch 1963 gründete der Kommunist Herbert Steiner das DÖW und wurde für 20 Jahre dessen „wissenschaftlicher Sekretär“. Und er gab eine Linie vor, die den Hitler-Stalin-Pakt, den „Anti“-, „Austro“-, Nazi-Faschismus sowie den Widerstandskampf ganz anders beschrieb als die konservative ÖW. Lange Zeit war das eine akademische, quasi innerfamiliäre Debatte, doch in der Waldheim-Zeit verschärfte sich der Ton, und aus Scharmützeln wurde ein Kleinkrieg: Die ÖW stellte nun auch öffentlich das sich als sakrosankte moralische Anstalt verstehende DÖW in Frage.

Damals war Massiczek dort Generalsekretär und aus Ihrer Sicht wohl die Infamie in Person. Er hatte sich’s mit Ihnen verscherzt.3) Sie versetzten ihn zu den reue-resistenten Ewiggestrigen. Seit 2001 läßt er sich widerstandslos stigmatisieren, denn damals starb er. Aus tendenziös selektierten Papieren fabrizierten Sie den Lebenslauf eines Lügners, der nach vorgetäuschter Läuterung und gelungener Karriere intellektuell ins Nazireich heimgekehrt war.4) Reduziert auf Antworten in NS-Fragebögen, ließen sich Massiczek und seine nur „angebliche Wandlung“, die nur „behauptete Metamorphose“ und das, was Sie „Legendenbildung“ nennen, trefflich verurteilen. Massiczek habe sein Leben „uminterpetiert“, behaupten Sie. Dass das in Wirklichkeit Sie tun, belege ich an Hand folgender Beispiele:

1. Massiczek findet sich im Kapitel neun Ihres Buches; dieses thematisiert „die Karriere ehemaliger Nationalsozialisten mit Hilfe des BSA“. Aber erstens machte Massiczek keine „Karriere“, sondern absolvierte die vorgezeichnete Laufbahn eines pragmatisierten Beamten im Staatsdienst, konkret: eines Bibliothekars an der Österreichischen Nationalbibliothek. Zweitens mußte er 1949 und 1950/51 dem BSA und der SPÖ nicht beitreten, um seine als provisorischer Staatsbibliothekar zweiter Klasse begonnene „berufliche Karriere […] abzusichern“. Denn der als „belastet“ registrierte ehemalige Nationalsozialist Massiczek war ganz ohne Mitwirkung Ihrer Partei, der SPÖ, bereits 1947 von den sogenannten „Sühnefolgen“ nach dem Verbotsgesetz befreit worden und Anfang 1948 an seinen früheren Arbeitsplatz, die Nationalbibliothek, zurückgekehrt. Dort war er schon von Ende 1942 bis Oktober 1945 gewesen. Drittens brachten ihm seine BSA- und SPÖ-Mitgliedschaft, sein vielfältiges Engagement für die sozialdemokratische und die Gewerkschafts-Bewegung sowie seine geradezu missionarisch um Aufklärung bemühte Vortrags- und Publikationstätigkeit zum Thema Nationalsozialismus und persönliche Schuld beruflich nicht nur keine Vorteile, sondern schadeten seinem Ruf bei den Vorgesetzten und machten die von Ihnen behauptete Karriere völlig ausgeschlossen: Die Nationalbibliothek ist traditionell „schwarz“, wie Sie wissen sollten. Hätte Massiczek dort „Karriere“ machen wollen, wäre er klugerweise der ÖVP beigetreten. Er hätte nicht „rot“ sein dürfen, und schon garnicht sich als Roter exponieren. Bei einem Personalstand von damals 250 Mitarbeitern war er aber einer von insgesamt nur zwei bis drei solcher Exoten. Seine von Ihnen rein zufällig unerwähnt gebliebene Bewerbung um den Posten des Generaldirektors scheiterte folglich. Ihr sittenrichterlicher Vorwurf, Massiczek habe „sehr rasch nach dem Erreichen [seiner] beruflichen Ziele dem BSA bzw. der SPÖ wieder [den] Rücken“ gekehrt, wissend, dass er „keine persönlichen Vorteile mehr“ zu erwarten habe, und „in der zeitlichen Distanz keinerlei Dankesschuld oder Solidaritätsgefühl gegenüber den seinerzeitigen Protektoren“ verspürt, entbehrt jeglichen konkreten Substrats; er ist polemisierende Agitation. Was waren denn die angeblich lukrierten „persönlichen Vorteile“? Welchen „Protektoren“ schuldete er denn Dank, und wofür? Wenn hier einer etwas schuldet, nämlich Fakten, Namen und Beweise, dann sind das Sie.

2. Sie bezweifeln Massiczeks Zugehörigkeit zur Widerstandsgruppe um Roman Karl Scholz, der „Österreichischen Freiheitsbewegung“, und berufen sich dabei auf die damaligen Mitglieder Hedy Bodenstein und Herbert Crammer, während Massiczek berichtet5), er sei vom späteren Publizisten Viktor Reimann geworben worden. Dessen eklatantem Antisemitismus wegen habe er sich dann aber nicht auf jene Namensliste setzen lassen, die nach dem Verrat durch den Gestapo-Konfidenten Otto Hartmann den meisten Gruppenmitgliedern zum Verhängnis wurde. Überdies musste er einrücken.

Was Sie auslassen, ist interessanter als was Sie hervorheben, Herr Neugebauer. Zum Beispiel übergehen Sie, dass Reimann für seine Mitgliedschaft in der „Österreichischen Freiheitsbewegung“ zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und vier davon absaß. Sie unterstreichen aber, dass er nach dem Ende der Nazizeit die rechtsnationale Partei „VdU“ mitbegründete sowie „die berüchtigte Artikelserie ‚Die Juden in Österreich‘“ verfaßte. Mit der Sache, um die es geht, hat das zwar garnichts zu tun, kennzeichnet aber einen dubiosen Charakter und ist daher geeignet, Massiczek zu kompromittieren. Zum Beispiel verlautbaren Sie, das damalige Gruppenmitglied Hedy Bodenstein habe Ihnen gegenüber Massiczeks Zugehörigkeit zur Gruppe bestritten. Hingegen verschweigen Sie, dass Bodenstein kurz nach Ende des „Dritten Reiches“ das genaue Gegenteil schriftlich bezeugte (s. a. Faksimile):

„Ich kenne Dr.Massiczek seit 1938. […] Dr.Massiczek gehörte zu jenen Menschen, die den ‚Umbruch‘ zunächst mit Überzeugung mitmachten, die sich jedoch, als sie das wahre Wesen der nazistischen Theorie und Praxis erkannt hatten, sofort entschlossen in die Reihen der Untergrundbewegung stellten. Bereits wenige Monate nach der Okkupation Österreichs stand Dr.Massiczek zusammen mit Dr. Friedrich Heer […], mit Dr. Viktor Reimann […], mir und anderen in der Widerstandsgruppe Dr.Roman K. Scholz. Wir waren es– ich betone, dass Dr.Massiczek wesentlich und in [sic] führender Stelle daran beteiligt war– die die studentische Widerstandsbewegung auf dem Boden der Wiener Universität begründeten und aufbauten. Dr. Massiczek vervielfältigte und verbreitete viele Stellen des im Dritten Reich verbotenen Werkes ‚Die Revolution des Nihilismus‘ von Hermann Rauschning, das ich aus der Schweiz nach Österreich geschmuggelt hatte. In gleicher Weise verbreitete er unter Lebensgefahr viele andere verbotene Schriften. Immer wieder beteiligte er sich initiativ an Unterstützungsaktionen für aus rassischen und politischen Gründen Geschädigte des Hitlerregimes. Nur durch einen glücklichen Zufall wurde Dr. Massiczek im März 1940 nicht in die Liste unserer Widerstandsgruppe aufgenommen. […] Wäre [er] verhaftet worden, so hätte gerade er in seiner besonders exponierten Stellung ohne Zweifel das Schicksal unseres Gruppenführers geteilt.“

Und Herbert Crammer, den Sie mit der Aussage zitieren, er habe keine Anhaltspunkte für die Mitgliedschaft von Massiczek? Nicht nur haben Massiczek und Crammer jahrelang im Vorstand der ÖW amikal zusammengearbeitet; die Aussage wird auch durch Crammers Bruder konterkariert. Walter Crammer, Aktivist in der „Österreichischen Freiheitsbewegung“ und wegen Vorbereitung zum Hochverrat fünf Jahre lang inhaftiert, gab 1947 nämlich zu Protokoll: „Den Angaben des Frl. Hedy Bodenstein und des Herrn Dr.Viktor Reimann kann bezüglich des Herrn Dr.Albert Massiczek […] voll und ganz Glauben geschenkt werden.“6)

3. Sie unterstellen, Massiczek habe sich als Widerstandskämpfer geriert. Ganz psychologischer Gutachter, der Sie nicht sind, deuten Sie dies als „Produkt selbststilisierender, retrograder Projektionen“. Ganz Oberlehrer auf Schulschwänzerjagd, vermissen Sie zudem „konkrete Beschreibungen“ von Massiczeks „Widerstandstätigkeiten“.

Die liegen freilich längst vor, und zwar in öffentlich zugänglichen Archiven, zum Beispiel dem DÖW: „Meine Tätigkeit bei der genannten Gruppe war so, dass ich heute sagen muß, sie war leider viel zu gering. Ich hielt [ab Herbst 1938, E.W.] Gesprächskreise in privatem Rahmen ab, zunächst stark religiösen Charakters, mit dem Ziel, die anfänglich starke Hinneigung gewisser Katholiken zu den Nazis zu zerstören. Ich deckte viele dieser Zusammenkünfte in SS-Uniform, die ich wohl ausschließlich dazu verwendete, meine Tätigkeit und die meiner Kameraden gefahrloser zu machen. Ich führte verbotene Bücher, Texte und selbstverfertigte Schriften in meiner Aktentasche und deckte auch diese Gänge meist mit meiner schwarzen Uniform. […] Meine Haupttätigkeit [ab 1942, E.W.] im Dienste des Widerstandes bestand […] in der Sabotierung des sog. nationalpolitischen Unterrichtes, noch mehr aber in der in dessen Rahmen geübten Zersetzung der ‚Heimatfront‘. Die stärkste Tätigkeit bestand in den zahllosen Einzelgesprächen mit den ständig das Lazarett passierenden Kriegsblinden und deren Angehörigen. […] Es war also nicht viel, was ich leistete.“

4. Sie bekritteln Massiczeks Verhalten in der „Reichskristallnacht“, denn Sie sprechen seinen Berichten darüber die Wahrhaftigkeit ab. Weil Sie Beweise für persönliche Schuld nicht vorlegen können, es gibt nämlich keine, eliminieren Sie den skrupelhaften SS-Mann Massiczek, der Zivilkleidung trägt, Juden telefonisch zu warnen versucht, und einem älteren Juden die polizeiliche Anzeige nicht ausreden kann, weshalb er mit ihm aufs Wachzimmer geht, um ihn womöglich zu schützen.7) Statt dessen kreieren Sie das Feindbild für die Nachwelt, den Täuscher und Täter, den SS-Kriminellen, den Verbrecher in der schwarzen Uniform. Klar, dass der beim Terror mitmacht; dass der das Hab und Gut seiner Opfer bewacht, um es dem Naziregime oder dem eigenen Besitz einzuverleiben, und dass der Juden ausliefert, nicht ihnen beisteht.8) Statt zu „enthüllen“, was Massiczek gar nie verschleierte, nämlich sein Naheverhältnis zum NS-Regime bis nach dem „Anschluß“, hätten Sie prüfen können, ob es den von Massiczek damals beschützten Juden tatsächlich gab, und Sie hätten entdeckt: Tatsächlich, es gab ihn. Philipp Kunstadt hieß er, eine seiner beiden Töchter lebt noch, und er war mit jener Amalie Oppenheim verwandt, deren schriftliches Zeugnis darüber Sie wider besseres Wissen zu einer „unadressierten Bestätigung“, einem „Persilschein“ herunterspielen, verfasst allein aufgrund der Angaben Massiczeks und zu Massiczeks Vorteil.9)

Ziemlich dreist, übrigens, einer alten jüdischen Dame anzudichten, nach der Erfahrung von „Kristallnacht“, Ghetto Theresienstadt und dem Tod ihres Mannes ebendort, hätte sie sich 1945 von einem Nazi als Entlastungszeugin mißbrauchen lassen.10)

5. Ihr Versuch, den Lebenslauf des Albert Massiczek zu dessen Nachteil umzuschreiben und Ihr geradezu zwanghafter Wunsch, Massiczeks Glaubwürdigkeit zu erschüttern, ja Massiczek als Lügner darzustellen, wird zur Farce, wo Sie irrelevante nicht von relevanten Informationen trennen. Ich spreche von einem konspirativen Treffen zwischen Massiczek, Friedrich Heer, Eduard Rabofsky und Christian Broda am Wiener Nordwestbahnhof, das offenbar durch die politische Untergrundarbeit von Eduard Rabofskys Bruder motiviert war: Alfred Rabofsky war ein schon im Ständestaat polizeibekannter junger Kommunist. Protektion schien vonnöten, und Massiczeks Vater war damals Oberst bei der Gendarmerie.

In seinen Lebenserinnerungen hielt Massiczek offenbar die finale Verhaftung für den Anlassfall. Das beanstanden Sie, als wäre damit das Treffen selbst aus der Welt zu schaffen– und ignorieren das stärkste Indiz dafür, dass es stattfand: 1964, am 20. Jahrestag der Hinrichtung von Alfred Rabofsky, hielt Massiczek in der Gedächtnisstätte des Wiener Landesgerichts eine Gedenkrede, in der er sich auf jene Episode bezog. Das tat er auf Bitten und im Beisein von Eduard Rabofsky, der den Text überdies im kommunistischen Monatsmagazin „Tagebuch“ placierte („Die Toten an die Lebenden“, Oktober 1964).

6. Sie behaupten, ohne dies zu belegen, Massiczek sei „noch im Jahr 1938“ dem Sicherheitsdienst der SS (SD) „beigetreten“. Wahr ist vielmehr: Das Dokument, auf das Sie sich stützen, der Antrag auf Berufung in den NSD-Studentenbund, ist mit 7. Juni 1939 datiert. Mit der Eintragung, er mache Dienst im SD-Unterabschnitt Wien, versuchte Massiczek seine Einberufung zur Deutschen Wehrmacht hinauszuzögern, wenn nicht zu verhindern, und zwar mit Hilfe eines Freundes von früher, der nun beim SD war und angeboten hatte, ihn „offiziell“ zum V-Mann zu ernennen– dies als Gegenleistung für ein ein Jahr zurückliegendes „Gutachten“ des 22jährigen über christlich-deutschnationale Hochschullehrer, die auf Wunsch der Berliner SD-Zentrale durch „reine“ Nazis ersetzt werden sollten. Der Text war zweideutig: Massiczeks Intention war es nicht, die Leute tatsächlich abgelöst zu wissen. Die Herren behielten ihre Posten, Massiczeks vorgebliche SD-Mitgliedschaft nützte nichts; er wurde einberufen. dass er als V-Mann registriert war, war sowieso nicht rechtswirksam: Arbeit für den SD war an den Austritt aus der katholischen Kirche geknüpft. Aber Massiczek trat nicht nur nicht aus, er ignorierte auch die schriftliche Aufforderung des SD, den Austritt zu melden, heiratete kirchlich und unterließ, nebenbei, die verpflichtende Nachricht darüber an die SS.

7. Sie erklären, Massiczek habe nach der Befreiung große Probleme“ gehabt, „Zeugen seines vermeintlichen Widerstandes zu finden“, denn es sei kaum jemand „glaubwürdig“ für ihn eingestanden. Finden Sie Friedrich Heer, Kurt Lingens, Otto Mauer, Willy Lorenz (um nur einige zu nennen) glaubwürdig genug? Offenbar nicht. Ihr Elaborat ignoriert sie. Das Schreiben des Ehemannes von Ella Lingens gebe ich deshalb zur Gänze wieder (s. Faksimile); Friedrich Heer zitiere ich partiell: „Dr. Albert Massiczek ist mir als Studienkollege an der Wiener Universität seit 1935 bekannt. […] Unsere Beziehungen blieben bis zum Umsturz […] kühl, ja gespannt, da ich ihn für einen Anhänger des damals im Institut allmächtigen Nazismus hielt. […] Da trat, wenige Monate nach dem März 1938, ein Umschwung ein. Dr. Massiczek näherte sich mir und ich konnte aus Wort und Tat sehr bald erkennen, dass er ein im besten Sinn des Wortes fanatischer Gegner des Nazismus war. Wesentlich mit seiner Hilfe gelang es, bereits im Herbst 1938 zuerst im Institut, dann auch auf andere Studienbetriebe der Universität übergreifend, ein Zentrum des Widerstandes aufzubauen, welches meines Wissens nach die erste und stärkste antinazistische Zelle an der Universität Wien war!“

Schlecht stehen Sie da, Herr Neugebauer. Den Auftrag an Sie, den Historiker, die „braunen Flecken“ im BSA zu erforschen, benutzten Sie, um zu Gericht über jemand zu sitzen, mit dem Sie persönlich nicht klarkamen. Ausgestattet mit dem Nimbus des Experten, evozieren Sie das Täterklischee. Nur einzelne finden Gnade vor Ihren Augen. Allen anderen lasten Sie an, Gesellen der üblen Sorte zu sein: Sei es, weil sie ihrer Gesinnung treu blieben; sei es, weil sie uns einreden möchten, die Gesinnung habe sich geändert. Feinde des DÖW, echte oder vermeintliche, und andere Ihnen suspekte Figuren rücken Sie gar in die Nähe von Naziverbrechen: Bruno Czermak, der die Politik des DÖW kritisierte, setzten Sie dem Verdacht aus, er habe „arisiert“. Albert Massiczek, der sich Czermaks kritischer Haltung anschloss, befördern Sie zum Komplizen des November-Pogroms, SD-Kollaborateur und heimlichen Immernoch-Nazi. Von jenen seiner Publikationen, die den Widersinn Ihrer Darlegungen deutlich machen würden, nennen Sie einen einzigen Titel, und den nur als Fussnote (schmücken aber das Literaturverzeichnis und Ihre Biografie mit dreizehn Ihrer eigenen Schriften). Peter Singer, den in Princeton lehrenden jüdischen Bioethikprofessor, der in einem Buch über seinen Großvater David Oppenheim die Hilfe Massiczeks in schwerster Zeit ausführlich würdigt, reduzieren Sie auf den „umstrittenen Protagonisten einer neuen Kindereuthanasie“11). Das hat mit der Sache, um die es geht, zwar ebensowenig zu tun wie die antisemitische Serie des Viktor Reimann, doch als Knock-out-Waffe ist sie unbezahlbar.

Sie selbst, Herr Neugebauer, sehen sich einerseits in der Nachfolge des österreichischen Widerstandes, doch andererseits riskieren Sie gar nichts: Es ist ja der Rechtsstaat, auf dessen Boden Sie Widerstand leisten gegen Abgeordnete zum Stammtisch, umgevolkte Altneonazis und radebrechende Pamphletedichter. Solid verankert im roten Wiener Magistrat, befanden Sie selbst sich natürlich stets auf der richtigen Seite. Selbstgerecht, von Zweifeln nicht geplagt, vom Regime nicht bedroht, ausgestattet mit Moral vom Feinsten, verteilen Sie vom Schreibtisch aus Zensuren für gute, ungenügende und nicht genügende Widerstandshandlungen gegen die Nazis. Nazis, die zum VdU gingen, figurieren bei Ihnen als ewig Gestrige. Nazis, die zur SPÖ gingen, figurieren bei Ihnen als Opportunisten.

Albert Massiczek verurteilen Sie doppelt: Als den Sozi, der er geworden und den Nazi, der er geblieben sei.

Offenkundig hat er selbst Simon Wiesenthal getäuscht. Der ließ sich täuschen und blieb sein Freund.

Vermutlich kannte er Ihre Enthüllungen nicht.


Anmerkungen:

1) „Während einerseits die ideologischen Inhalte des BSA verwässert wurden, fand andererseits auch keine effiziente Überprüfung der tatsächlichen weltanschaulich-politischen Einstellung der beitrittswilligen ehemaligen Nationalsozialisten statt.“ (Neugebauer, Der Wille zum aufrechten Gang. Wien, 2005. S.310)

2) „Den Verdacht, Bekennerschreiben der rechtsterroristischen 'Bajuwarischen Befreiungsarmee' (BBA) verfasst zu haben, versuchte er durch die öffentliche
Behauptung, dass DÖW sei mit der BBA 'identisch' von sich zu lenken. 1998 wurde er deswegen vom DÖW beim Landesgericht für Strafsachen Wien wegen übler Nachrede geklagt; er konnte bis jetzt nicht dem DÖW die Anwaltskosten ersetzen.“ (a.a.O. S. 88f)

3) Dies wird insbesondere deutlich aus Neugebauers Reaktion auf einen Text, den der SPÖ-Bundesrat-Abgeordnete Albrecht K.Konecny im April 2007 im SPÖ-Diskussionsorgan „Zukunft“ publizierte. Der Text hieß „Was ist eigentlich ein 'Nazi'?“; Konecny hatte ihn zwecks „überfälliger Ehrenrettung“ von Albert Massiczek verfaßt. Neugebauers auf www.diezukunft.at nachlesbare online-Replik „Was ist ein 'Nazi'? Am Beispiel von Albert Massiczek“ läßt dessen angeblichen „Kampf gegen das DÖW“ (Kapitelüberschrift) als Neugebauers eigentliches Motiv erkennen, Massiczek zu diffamieren.

4) „Schon die ersten Versuche, seine NS-Vergangenheit zu verschleiern und zu minimieren, waren von Erfolg gekrönt, sie bildeten gewissermaßen den Auftakt für die weitere Legendenbildung. In den neunziger Jahren trat […] Massiczek, der sich in der Österreichischen Widerstandsbewegung engagierte, mit gehässigen Angriffen auf das DÖW in Erscheinung, wobei er auch nicht davor zurückschreckte, zeitweise die FPÖ mit Material gegen das DÖW zu versorgen.“ a.a.O., S. 124

5) Albert Massiczek, Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. Von der SS in den Widerstand. Junius Verlag, Wien 1989

6) Die Aussagen von Walter Crammer, Hedy Bodenstein, Viktor Reimann und anderen, weiter unten im Text genannten Personen sind im Wiener Stadt- und Landesarchiv öffentlich zugänglich.

7) Albert Massiczek, Ich war Nazi. Faszination, Ernüchterung, Bruch. Junius Verlag, Wien 1988, 177 ff. Albert Massiczek, Ich habe nur meine Pflicht erfüllt. Von der SS in den Widerstand. a.a.O. S. 45

8) Massiczek „begleitet einen Juden zur Polizei – ein SS- Mann begleitet in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 einen Juden zur Polizei, ist der Begriff 'Verhaftung' nicht der einzig passende?“ (Neugebauer, „Was ist ein 'Nazi'? Am Beispiel von Albert Massiczek“. Replik auf Albrecht K.Konecny. a.a.O.)

9) Siehe dazu Neugebauers online-Replik (a.a.O) auf die gleichfalls dort veröffentlichten Briefe von Enno Hentschel und Peter Singer.

10) „Aus der NS-Forschung wissen wir auch, dass NS-Funktionäre das Prinzip „Rückversicherung“ (für die Zeit nach der Niederlage) pflegten. So hat etwa der Leiter des Judenreferats der Gestapo Wien Dr. Karl Ebner, verantwortlich für die Deportation von fast 50.000 österreichischen Juden, Verfolgten geholfen – u.a. dem Schauspieler Hans Moser und dessen jüdischer Ehefrau –, die ihm dann nach der Befreiung 1945 als Entlastungszeugen dienten.“ Aus Neugebauers online-Replik auf Hentschel und Singer. a.a.O.

11) In „Was ist ein 'Nazi'? Am Beispiel von Albert Massiczek“. Replik auf Albrecht K.Konecny. a.a.O

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